„Zwischen Aufbruch und Abbruch“
Ab dem 1. Mai 2026 ergänzt Uta Bretschneider als Direktorin die Doppelspitze des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle (Saale). Gleichzeitig übernimmt sie die Sprecherinnenrolle der Geschäftsführung. Die 41 jährige gebürtige Sächsin blickt mit Respekt und Vorfreude auf eine Aufgabe, für die es keine Blaupause gibt. An ihrem ersten Arbeitstag skizziert die Kulturwissenschaftlerin und Soziologin im Gespräch mit Lotte Caudri ihre Vision – und verknüpft sie mit ihrer eigenen Transformationsgeschichte.
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?—·→! Frau Bretschneider, Sie haben die DDR kaum mehr selbst erlebt, wie steht es um die Jahre danach? Wie viel Transformationszeit steckt in Uta Bretschneider?
Jede Menge! Das Ende der DDR hat meine Familie natürlich geprägt, als Zäsur und Freiheitsgewinn. Ich selbst habe die ersten Jahre der Deutschen Einheit ziemlich bewusst als Phase des Aufbruchs, des Umbruchs und auch des Abbruchs erlebt – und zwar in Berlin und in einem Dorf nahe Chemnitz. Und die Beobachtungen von Verlust, Abwanderung und Neuerfindung haben mich seither begleitet. Am Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig habe ich das Thema des deutsch-deutschen Zusammenwachsens in der langen Dauer zu einem Schwerpunkt in Ausstellung und Programm werden lassen. In meiner Museumsarbeit aber auch im wissenschaftlichen Arbeiten wurde immer wieder deutlich: Wir wissen viel zu wenig über diese Jahrzehnte, es sind so viele Geschichten noch unerzählt; und: Wir sind noch nicht fertig mit der sogenannten Transformationszeit!
?—·→! Steckt genau in dieser Unfertigkeit die „Zukunft“ im Zukunftszentrum?
Mindestens zu einem großen Teil. Der forschend-wissenschaftliche Aspekt des Zukunftszentrums soll ja Erkenntnisse aus der Vergangenheit ableiten und schauen, welche Werkzeuge für die Zukunft sich daraus ergeben. Weltweit lauern ständig Transformationsprozesse mit all ihren Auswirkungen etwa auf die Wirtschaft, auf die Politik, auf die Gesellschaft, auf den einzelnen Menschen. Wie diese Umbrüche in Zukunft gelebt und moderiert werden können, das herauszuarbeiten, soll das Zukunftszentrum leisten. Deshalb werden wir noch in diesem Jahr die ersten Mitarbeitenden für den wissenschaftlichen Bereich in unser Team holen. Für mich ganz persönlich heißt die nähere Zukunft aber „Ankommen in Halle“, mich mit meinem Team vertraut machen, gemeinsam Schwerpunkte setzen und dann mit Volldampf die Zukunft des Zukunftszentrums gestalten.
?—·→! Das Zukunftszentrum verbindet laut Konzept Forschung, Begegnung und Kultur. Das klingt abstrakt, oder?
Ein wenig vielleicht, aber in erster Linie ist es der Rahmen unseres Arbeitens. Und so finde ich, dass es ganz wunderbar klingt, denn wo gibt es solch eine Kombination denn schon unter einem Dach? Und zugleich den Blick zu weiten, vom deutsch-deutschen zum europäischen Kontext – das ist einzigartig und hoch spannend. Ich sehe das Zukunftszentrum als eine Art Übersetzungseinrichtung und als Begegnungsort: für Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, für Forscherinnen und Forscher, für touristische Gäste aus nah und fern, für Schülerinnen und Schüler, Landeier und Stadtpflanzen, für Ossis und Wessis.
?—·→! Sie übernehmen gemeinsam mit Holger Lemme die Geschäftsführung des Zukunftszentrums, worauf freuen Sie sich am meisten?
Ich bin zuallererst sehr neugierig, das Team kennenzulernen, das ja schon an verschiedensten Projekten arbeitet. Und ich freue mich sehr auf die Doppelspitze mit Holger Lemme, nicht nur, weil ich ihn schon ein wenig kennenlernen durfte, sondern auch, weil ich ein solches Duo aus Inhalt und Verwaltung großartig finde. Ich freue mich auf bunte Netzwerkarbeit und darauf, das Zukunftszentrum sichtbarer und konkreter werden zu lassen. Zugleich spüre ich natürlich den hohen Erwartungsdruck und kenne die Kritik. Daher habe ich durchaus Respekt vor den neuen Aufgaben.
?—·→! Sie wechseln vom Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig ans Zukunftszentrum. Was fällt Ihnen leichter: Anfangen oder Aufhören?
In diesem Fall war das Aufhören nicht ganz leicht, in sechs Jahren ist mir das Zeitgeschichtliche Forum mit seinem Team sehr ans Herz gewachsen. Aber ich finde das Anfangen natürlich unheimlich charmant: Bewegung, Veränderung, Aufbruch… Und konkret für das Zukunftszentrum: Was für eine Chance, eine solche Institution mit dem Team gestalten zu können!
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Uta Bretschneider wurde 1985 im sächsischen Burgstädt geboren und wuchs u. a. in Berlin-Wedding auf. Seit dem 1. Mai 2026 ist sie Programmdirektorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Von 2020 bis 2026 war sie Direktorin des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, das Teil der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist. Von 2016 bis 2020 leitete sie als Direktorin das Hennebergische Museum Kloster Veßra, ein 1975 gegründetes Freilichtmuseum im Süden Thüringens, in dem sie kurz nach dem Studium zwei Jahre arbeitete. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Dresden. Sie promovierte zwischen 2011 und 2014 zum Thema „‚Vom Ich zum Wir‘? Flüchtlinge und Vertriebene als Neubauern in der LPG“. Ihr Studium der Volkskunde/Kulturgeschichte und Soziologie schloss sie 2008 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ab. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören etwa DDR-Alltagskultur, Transformationszeit, Geschichte ländlicher Räume.